Emotionale Care Arbeit oder warum bin ich heute wieder so müde?

Ich bin da neulich wieder auf einen Begriff gestoßen, der mich beschäftigt hat. Der aber genau das Ausdrückte, wofür ich noch keine Worte hatte. Susanne Mierau hat in ihrem Artikel „Emotionsarbeit“ etwas über „emotionale Care Arbeit“ geschrieben und ich fand, das nehme ich auch mal in einem Artikel auf.

Also, was genau ist das? Die emotionale Care Arbeit beschreibt den absolut unsichtbaren Arbeitsprozess den wir haben, wenn wir uns um die Kinder kümmern, abseits von Wickeln, essen geben etc.

Es ist die Arbeit, die wir machen, wenn wir trösten, Streit schlichten, für die Kinder da sind, wenn sie Nähe brauchen und wenn sie schlechte Tage haben.

Sie hat das wirklich gut beschrieben, deshalb gehe ich da nicht näher drauf ein. Mir ist im Alltag aber aufgefallen, dass diese Arbeit noch vornehmlich von den Müttern geleistet wird und Väter da relativ aussen vor sind. Deshalb will ich ein paar Beispiele bringen für das, was ich genau meine. Mir ist wichtig zu betonen, dass dies allgemeine Beispiele sind und es nicht immer so bei mir zuhause oder bei anderen vorkommt. Und dass es auch nicht immer gleich ist bei jeder Familie. Ich nehme hier „Mama“ und „Papa“, selbstverständlich ist es aber wahrscheinlich in jeder Familie so, egal ob es da zwei Mamas oder zwei Papas gibt oder noch andere Konstellationen.

Ich schreibe es auch ein wenig überspitzt und mit einem ironisch-sarkastischem Unterton (sorry, bei dem Thema KANN ich nicht anders), meine aber das grundsätzliche Problem völlig ernst. Auch Väter sollten diese emotionale Care Arbeit mittragen und zwar immer.

Aufstehen:

Mama: Sie steht auf, geht aufs Klo, das erste Kind kommt rein und muss auch. Sie beeilt sich, während sie sich anzieht, kommt das zweite Kind rein und stellt lautstark fest, dass es auch muss, die Toilette aber besetzt ist. Die Mutter tröstet und versucht eine schnelle (!) Lösung zu finden. Das erste Kind beschwert sich, dass es schon von der Toilette runter muss, das zweite Kind will erst abspülen, die Mutter hängt halb angezogen dazwischen und vermittelt.

Papa: steht auf, zieht sich an, fragt nach Kaffee.

Frühstück:

Mama: schmiert die Brote, vermittelt, weil das erste Kind Teewurst will und das zweite Schokolade, wobei dem ersten Kind einfällt, dass es auch Schokolade will, leider ist die Wurst aber schon auf dem Brot, was dazu führt, dass das Kind das Brot in die Ecke schmeisst und „WILLNICH“ brüllt. Das zweite Kind beisst genussvoll in das Schokobrot, was das erste Kind wütend macht, woraufhin das erste Kind das Schokobrot nimmt und selber davon abbeisst, während das zweite brüllt, weil das Brot weg ist. Die Mama vermittelt wieder, bittet um Verständnis und schmiert nebenbei die Brote für die Pause.

Papa: nimmt sich seinen Kaffee und geht eine rauchen.

Weg zum Kindergarten/zur Schule:

Mama: unter größten Anstrengungen verfrachtet die Mutter die beiden wildgewordenen und halbhungrigen Löwen Kinder in das Auto/ den Kinderwagen, die Kinder streiten sich, weil sie ein bestimmtes Buch haben wollen, was das andere Kind jeweils hat, dabei wird ein Kind gehauen, das andere gebissen, das Buch fällt raus und ist weg, beide Kinder weinen verzweifelt. Die Mutter tröstet, fängt auf, vermittelt.

Papa: fährt zur Arbeit

Hausarbeit:

Mama: beide Kinder wollen mithelfen, egal bei was. Sie nehmen den Staubsauger weg und schalten ihn an und aus und an und aus und an und aus und…, sie wischen den Boden mit purem (und sehr viel Wasser), sie setzen das Bad unter Wasser, rennen zwischen den Beinen rum, streiten sich, weil beide gleichzeitig den Putzfetzen haben wollen, machen sich und das komplette Haus nass mit diesem Fetzen und streiten sich, weil sie nicht einig sind, wer was machen darf.

Papa: putzt alleine, ist in 30 Minuten fertig und fragt sich, warum die Mutter immer so lange braucht.

Abholen:

Mama: bugsiert die Kinder, die nicht nach Hause wollen, in den Kinderwagen/das Auto, hört sich an, wer wen geärgert hat und warum oder wie toll es dort war, tröstet die verzweifelten Kinder, die sich wieder an das verlorene Buch vom Morgen erinnern.

Papa: arbeitet noch.

Essen:

Mama: kocht das essen, die Kinder wollen helfen, sie schneiden sich in den Finger, in die Tischplatte, in die Klamotten, bemängeln, was sie alles nicht essen wollen, schmeissen die Sachen grundsätzlich neben die Schüsseln, probieren so lange, bis sie satt sind und essen dann beim wirklichen Essen nichts mit. Alternativ: sie sind im Zimmer und streiten.

Papa: sitzt am Tisch und isst.

Duschen:

Mama: die Kinder sehen ihr dabei zu, drehen das Wasser auf und zu, machen es Heiss und kalt, schmeissen Sachen in die Dusche, leeren alles aus, was sie finden, lassen die Tür auf(!!!), Schreien, wenn was nicht passt. Neben dem Duschen wird wieder vermittelt, gebeten, diese Dinge zu lassen und getröstet.

Papa: duscht.

Bettgehzeit:

Mama: zieht die Kinder um, die sich nicht umziehen lassen wollen (schon zum dritten Mal an diesem Tag, schließlich waren sie von der Putzaktion ja nass), putzt die Zähne, die sie sich nicht putzen lassen wollen und bringt sie ins Bett, bleibt bei ihnen, bis sie schlafen und steht Nachts öfter auf, um mit ihnen auf die Toilette zu gehen oder sie zu trösten.

Papa: macht den Fernseher an und genießt den Feierabend und danach eine ruhige Nacht.

Das sind so allgemeine und natürlich sehr extreme Beispiele. Aber sie zeigen auf, dass diese emotionale Auslastung sehr groß ist. Es ist absolut keine Kleinigkeit, ständig in Bereitschaft zu sein, zu vermitteln, Stärke zu zeigen, Lösungen zu finden, da zu sein und zu trösten. Und das sind eben hauptsächlich noch die Mütter. Denn selbst wenn ein Vater zuhause ist, ist es extrem selten, dass diese emotionalen Dinge genauso gesehen oder beachtet werden, wie von der Mutter. Das soll weder eine Abwertung noch ein Angriff sein und natürlich gibt es auch Väter, die ebenso reagieren. Aber dennoch haben die Meisten gelernt, dass ein „Indianer nicht weint“ und das tragen sie eben weiter. Noch immer gilt oft, dass Weinen schlecht ist und jammern, nölen sogar noch viel schlimmer. Das Aushalten und begleiten dessen, ist kräftezehrend und anstrengend. Und Männer neigen eher dazu, sich dies zu verbieten (oder eben auch den Kindern), als dies zu begleiten.

Wenn sich Mütter dann also oft fragen, warum sie so müde sind – genau deshalb. Weil sie keine sichtbare Arbeit geleistet haben, aber eine unglaublich wertvolle, die die Kinder ihr Leben lang begleiten und stärken wird.

Und letztendlich gilt: Sie werden größer und irgendwann werden sie uns in dieser Form nicht mehr brauchen.

Irgendwann haben wir den Putzfetzen in der Hand und erinnern und wehmütig und mit einem Lächeln daran, wie die Kinder sich darum gestritten haben. Und können vielleicht sogar etwas stolz auf uns sein, dass wir sie daraus begleitet haben, statt zu schimpfen.

Ich schreibe es deshalb, weil mir wichtig ist, aufzuzeigen, was Eltern und eben insbesondere Mütter, tatsächlich leisten, denn das wird gerne übersehen.

Eure Melli

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